Homo Ludens: die Logik des Misslingens

Lernspiele für Schulung, Weiterbildung und Training

Nach dem Homo sapiens, dem wissenden und denkenden Menschen, kommt gleich der Homo ludens, der spielende Mensch. Und das Spielen ist hier wie in der Spieltheorie im Sinne der Mathematik zu verstehen. Auch SAP-Prozesse kann man spielend erlernen.

Wenn wir unter Entscheidungsdruck stehen und handeln müssen: Was tun wir dann gewöhnlich? Und was könnten wir eigentlich leisten? fragte Dietrich Dörner in seinem bereits 1989 erschienenen Buch „Die Logik des Misslingens“. Aber die Beschäftigung mit Komplexität und der Steuerung von dynamischen Systemen geht noch weiter zurück: Kybernetik ist die Wissenschaft von der Funktion komplexer Systeme. Der Begriff leitet sich aus dem Altgriechischen ab und bedeutet soviel wie Steuermannskunst.

Steuermannskunst einst und jetzt: Gut vorstellbar ist es, dass im antiken Griechenland das Steuern eines komplexen Systems, wie eines Segelschiffs in einer dynamischen Umwelt (Wind, Wasser, Matrosen), zu den herausfordernden Aufgaben gehörte. Somit scheint es auch gerechtfertigt zu sein, von einer „Kunst“ zu reden. Wenn nun das sichere Navigieren eines Segelschiffes im alten Griechenland eine Steuermannskunst war, dann ist das Customizing und Going-Live eines SAP-Systems allemal ein Kunststück. Kybernetik, also das Wissen vom Umgang mit komplexen, dynamischen Systemen, ist noch immer gefragt und gefordert.

Nun hat aber Dietrich Dörner treffend erkannt, dass der Umgang mit komplexen Systemen nicht trivial ist, obwohl er 1989 kaum Bekanntschaft mit SAP-Systemen machen konnte: „Unsere Welt ist ein System von interagierenden Teilsystemen geworden. Zu Goethes Zeiten konnte es dem Bürger gleichgültig sein, ob hinten, weit, in der Türkei, die Völker aufeinander schlagen. Heute muss uns derlei mit Besorgnis erfüllen, da die politischen Umstände und Entwicklungen auch der fernsten Erdregionen unmittelbar oder mittelbar auch uns betreffen. In einer Welt von interagierenden Teilsystemen muss man in interagierenden Teilsystemen denken, wenn man Erfolg haben will.“

Das Buch „Die Logik des Misslingens“ beschäftigt sich mit den Merkmalen unseres Denkens beim Umgang mit komplexen Problemen, die mit Neben- und Fernwirkungen behaftet sind, schreibt Professor Dörner. Es geht hier somit um die Steuermannskunst, wie diese zu bewerten ist und eventuell auch zu erlernen. „Ich werde beschreiben, welche Fehler, Sackgassen, Umwege und Umständlichkeiten auftreten, wenn Menschen versuchen, mit komplexen Problemsituationen umzugehen. Es geht aber nicht allein um das Denken. Denken ist immer eingebettet in den Gesamtprozess des psychischen Geschehens.“

Jedes SAP-Projekt ist ein Problem mit Neben- und Fernwirkungen, Fehlern, Sackgassen, Umwegen und Umständlichkeiten, sowie eingebettet in den Gesamtprozess des psychischen Geschehens der Mitarbeiter. Ein SAP-Projekt ist die Steuermannskunst durch die technische und betriebswirtschaftliche Aufbau- und Ablauforganisation eines Unternehmens. Gefordert ist somit vernetztes Denken und das kann man lernen, aber ganz einfach ist es nicht, denn es gibt die Logik des Misslingens.

Es gibt zwei Personen im deutschsprachigen Raum, die vernetztes Denken populär gemacht haben (Harmut Bossel und Frederic Vester), und es gibt einige Simulations-und Brettspiele, mit denen man vernetztes Denken erfahren kann. Vier Spiele werden im Anschluss vorgestellt: ECOPOLICY, Innov8 von IBM, das neue Lern!Spiel!SAP von Poolix und das Petri-Netz-Spiel von Helmut Dressler.
„Modelle und Simulationen jeder Art sind Hilfsmittel für den Umgang mit der Realität; sie sind so alt wie die Menschheit selber. Menschen haben von jeher in Denkmodellen Pläne gemacht, sie in Gedanken durchgespielt, d. h. simuliert, mitgeteilt, diskutiert, verändert, in die Tat umgesetzt oder verworfen“, schreibt Harmut Bossel in seinem Buch „Systeme Dynamik Simulation – Modellbildung, Analyse und Simulation komplexer Systeme“, 2004, Books on Demand, Norderstedt. „Bauwerke, Boote, Maschinen wurden bereits vor Tausenden von Jahren zunächst als kleine Modelle gebaut und geprüft, bevor sie im großen Maßstab erstellt wurden“, schreibt Bossel und jeder SAP-Bestandskunde denkt hier sofort an seine Entwicklungs-, Test- und Produktionsserver. Ein Modell und Simulation eines SAP-Systems ist auch das erwähnte Lern!Spiel!SAP.

Harmut Bossel gibt gleich zu Beginn eine erste Antwort, warum die Beschäftigung mit Simulationen von Bedeutung ist: „Simulationsmodelle haben sich in vielen Bereichen als nützlich und oft unentbehrlich erwiesen. Ständig finden sich neue Anwendungen. Simulationsmodelle spielen eine wichtige Rolle für wissenschaftliche Erkenntnisse, Systementwicklung im technischen Bereich, Anwendungen im System-Managment und Anwendungen in der Entwicklungsplanung.“ Hier muss sich jeder SAP-Projektleiter angesprochen fühlen. Die Forderung nach einer „SAP-Steuermannskunst“ ist gelichbedeutend mit der Forderung von Frederic Vester: Vernetztes Denken!

Frederic Vester (1925 bis 2003) hat durch zahlreiche Bücher und TV-Auftritte das „vernetzte Denken“ bereits vor mehr als 25 Jahren populär gemacht und auch nachhaltig wissenschaftlich untermauert (www.frederic-vester.de). Eines seiner zahlreichen Werke zu dem Thema ist das Simulationsspiel ECOPOLICY, ein kybernetisches Strategiespiel, das jedem SAP-Projektleiter dringend empfohlen wird. Motto von ECOPOLICY ist: Spielen hilft verstehen. Frederic Vester, der „Vater des vernetzten Denkens“, hat mit diesem Planspiel die Möglichkeit geschaffen, sich auf spielerische Weise mit den komplexen Zusammenhängen in unserer Welt auseinander zu setzen. Das PC-Programm simuliert die Wirkungszusammenhänge, die sich aus einzelnen Spielentscheidungen ergeben, und schafft das Verständnis für die ökologischen, wirtschaftlichen und sozialen Zusammenhänge dieser Welt. Bei erfolgreicher Strategie kann die Simulation nach eigenen Ideen umgestaltet werden und ermöglicht unbegrenzte Spielvarianten.

Auch IBM hat die Kraft des vernetzten Denkens und die Existenz des Homo ludens erkannt. Mit einem eigenen Strategiespiel will man Verständnis für die Geschäftswelt und IT entwickeln. Über die IBM Academic Initiative, die den kostenlosen Download von Software für Lehrzwecke erlaubt, hat man Zugang zu Innov8, ein interaktives 3-D Lernspiel. Es soll die Verständigungslücke zwischen IT-Teams, den Fachbereichen und der Unternehmensführung schließen.
Pädagogische Computer- und Videospiele können zu Erziehungs- und Trainingszwecken genutzt werden, meint man auch bei IBM. Viele Unternehmen und Universitäten sehen solche Spiele heute als Weg, um einer Generation, die im Videospielzeitalter aufgewachsen ist, neue Kenntnisse und Fähigkeiten zu vermitteln. Laut The Apply Group werden bis zum Jahr 2012 zwischen 100 und 135 Unternehmen der Global Fortune 500 Spiele zu Lernzwecken einführen, allen voran Unternehmen aus Deutschland, Großbritannien und den Vereinigten Staaten. „Das am besten gehütete Geheimnis in der Welt der Computer- und Videospiele ist das Entstehen einer Bewegung, der mittlerweile mehrere Tausend Spieler, Universitäten und Unternehmen angehören. Sie wollen Spiele an sinnvollen gesellschaftlichen Aufgaben wie Bildung, Training, medizinische Behandlungen oder der Regierung eines Landes ausrichten“, so David Rejeski, Direktor der Serious Games Initiative (www.seriousgames.org) im Woodrow Wilson International Center for Scholars in Washington, D.C. „IBM hat sich als Pionier solch pädagogisch wertvoller Spiele etabliert und ermöglicht es Universitäten, ihre Studenten mittels Spiele auszubilden - einem modernen Medium, das die junge Generation versteht, mag und bereitwillig annimmt.“

IBM hat mit dem interaktiven 3-D Lernspiel Innov8 eine neue Methode entwickelt, um Wirtschaftsstudenten und jungen IT-Professionals – von denen viele mit Videospielen aufgewachsen sind – beizubringen, erfolgreich in der Geschäftswelt zu bestehen. Die meisten MBA-Programme basieren bereits hauptsächlich auf Gruppenprojekten, um wiederzugeben, wie Einzelpersonen und Teams in der realen Welt interagieren müssen. Innov8 geht einen Schritt weiter und erlaubt es Studierenden, die reale und dynamische Business-Umgebung zu betreten. Das Spiel basiert auf fortschrittlichen kommerziellen Spieltechnologien und erlaubt es den Nutzern zu verstehen, wie Technologie und die damit verbundenen Geschäftsstrategien den Auftritt eines Unternehmens beeinflussen. Zusammengefasst können die Nutzer Geschäftsprozesse visualisieren, Engpässe identifizieren und „Was wäre wenn…?“-Szenarien erkunden, bevor die Technologie eingesetzt wird.

Innov8 wurde entwickelt als ein einstündiges Lernlabor, das Kurse wie Business Process Management, Unternehmensstrategie sowie Betriebs und IT-Management ergänzt. Die Idee zu diesem Spiel entstand auf einem jährlichen von IBM gesponserten Wettbewerb unter fortgeschrittenen Wirtschaftsstudenten an der Duke Universität und an der Universität von North Carolina, beide USA.

Der Erfinder von Lern!Spiel!SAP geht in eine ähnliche Richtung wie IBM, aber mit anderer Technologie. Das Spiel von Frank Wolf aus Dresden ist ein klassisches Brettspiel, wie auch das hier vorgestellte Petri-Netz-Spiel PlayNet. Dennoch kann es in die Gruppe der kybernetischen Simulationsspiele aufgenommen werden, weil es komplexe, dynamische Sachverhalte vermittelt. SAP-Know-how lässt sich somit anhand eines Brettspiels erwerben. Das neue Lern!Spiel!SAP von Poolix vermittelt spielerisch die von SAP-Lösungen unterstützten Geschäftsprozesse. Sowohl Einsteiger als auch erfahrene SAP-Anwender können sich ein tieferes Prozessverständnis aufbauen. Das Spiel eignet sich für Schulungen, Weiterbildung und Training. Die Komplexität von SAP-Lösungen stellt neue Anwender immer wieder vor große Herausforderungen. Unternehmensweit verknüpfte Geschäftsabläufe erfordern Prozesswissen, das über den eigenen Schreibtisch oder die eigene Abteilung hinausgeht. Der Homo ludens kann hiermit die Steuermannskunst in der ERP-Welt erfahren.

Das Lern!Spiel!SAP behandelt einerseits allgemeine Fragen zum Aufbau von SAP-Lösungen. Andererseits gibt es einen Überblick über die Module Vertrieb (SD), Materialwirtschaft (MM), Produktion (PP), sowie Finanzen (FI) und Controlling (CO). Dabei werden die grundlegenden Funktionen und Stammdaten der einzelnen Module thematisiert. Ein bis drei Spieler oder Teams spielen dabei ein konkretes Szenario nach: Die Minitruck GmbH produziert kleine Lkw. Das neueste Modell heißt Aquamax und ist bereits erfolgreich gestartet: Es liegen zehn Bestellungen vor. Auch die Gärtnerei Richter interessiert sich für den kleinen LKW. Beim Lern!Spiel!SAP müssen die Spieler von der Bestellung über Einkauf und Produktion bis zur Auslieferung alle Prozesse durchlaufen – inklusive der Abläufe in Buchhaltung und Controlling. Gelernt wird in erster Linie über die Beantwortung von Fragen. Die Antworten sind als Optionen vorgegeben. Neben der Auflösung gibt es zu jeder Frage auch Erläuterungen und Hintergrundinformationen. Gewinner ist, wer als erster das neue Modell Aquamax an die Gärtnerei Richter liefert – aber auch alle, die mit Spaß die Grundlagen von SAP besser verstanden haben. Neben einem besseren Verständnis von Geschäftsabläufen fördert das Lern!Spiel!SAP den fachlichen Austausch und die Kommunikation in der Gruppe und trägt so zur Teambildung bei. Besonders empfehlenswert ist es, wenn Mitarbeiter aus verschiedenen Abteilungen miteinander spielen. Der Dialog über Abteilungsgrenzen hinweg ermöglicht ein besseres gegenseitiges Verständnis und führt zu effizienteren Arbeitsabläufen. Damit eignet sich das Spiel nicht nur innerhalb von SAP-Anwenderunternehmen sondern auch für Kunden und Geschäftspartner.
75 Prozent der von IBM befragten Geschäftsführer bezeichnen Bildung und den Mangel an qualifizierten Kandidaten als die Themen, die den größten Einfluss auf ihr Geschäft in den nächsten drei Jahren haben werden. Zusätzlich zeigt eine Studie von Gartner, dass sechs von zehn Berufstätigen aus dem IT-Bereich bis 2010 wirtschaftsrelevante Aufgaben übernehmen werden. Bei der ansteigenden Zahl an Jobs und Berufen, die eine Kombination aus technologischen und wirtschaftlichen Fähigkeiten erfordern, können kybernetische Strategiespiele wie Lern!Spiel!SAP, Innov8, PlayNet und natürlich ECOPOLICY ein effektiver Weg sein, diese neuen hybriden Fähigkeiten zu entwickeln.

Aber auch Brettspiele wie das Petri-Netz-Spiel sind hervorragend geeignet, um systemisches Denken und die Steuermannskunst zu erlernen (Information und Bestellung unter helmut.dressler@t-online.de). Das Spiel kostet 39 Euro inkl. Versand und ist jedem SAP-Projektleiter zur obligatorischen Kick-off-Veranstaltung dringend empfohlen. Petri-Netze sind ein bekannter Ansatz im Software-Engineering, die Literatur dazu ist fundiert, siehe auch Seite 25, E-3 Buchtipps. Auch wenn am Anfang die Vorstellung von Petri-Netzen sehr abstrakt erscheint, ist der Spiel- und Unterhaltungswert sehr hoch. Aufgrund des hohen Lernfaktors ist Lern!Spiel!SAP nicht ganz so flüssig zu spielen, wie ein im ersten Moment eventuell vergleichbares Monopoly.

Pädagogische Spiele stoßen nicht nur in der akademischen Ausbildung auf großes Interesse, auch Unternehmen sind von ihrem Nutzen überzeugt. Über sie kann der Spieler Fähigkeiten entwickeln, um das Zusammenspiel zwischen Business und IT besser zu verstehen. Eine aktuelle Studie besagt zudem, dass 56 Prozent der Kunden von IBM den Mangel an Kompetenzen – besonders bei Einzelpersonen, die eine Mischung aus technischem Verständnis und Scharfsinn für Geschäftsprozesse mitbringen – als Haupthindernis für eine serviceorientierte Architektur (SOA) sehen, einer Marktchance mit einem Volumen von 65 Milliarden Dollar. Der Homo ludens wird somit in der SAP-Community geschäftsfähig. Und das Scheitern von SAP-Projekten scheint eine innere Logik zu haben. Die Logik des Misslingens lässt sich zwar mit diesen Spielen nicht widerlegen, aber in ihren negativen Auswirkungen zumindest eindämmen.

E-3 Magazin (pmf), Oktober 2008, Seite 29

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